Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

„Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied und Neubeginne;
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu begeben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“
(Auszug aus Hermann Hesses „Stufen“ vom 04.05.1941)

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Wohl dem Herzen, welches im Frieden mit Vergangenem bereit zum Neubeginne voll Tapferkeit und ohne Trauern das Neue ganz umschließen kann. Welch Tapferkeit, wenn Herzen sich trotz mancher Schmerzen, trotz mancher Wunde der Vergangenheit von neuem voller Zugewandtheit begegnen. Wie sehr, meine Herz, Du dabei gleichst dem zarten Pfänzlein, das den Schutz und die Obhut, ja die Liebe ihres Schöpfers begehrt.

Voll Zuversicht, ergriffen vom Zauber des Neubeginnes sehnt sich mein Herz zum Beginn des Schuljahres nur nach einem: Eins zu bleiben mit Dir, oh Gott. In Deiner Ruhe, Deiner Liebe, Deinem Verständnis, Deinem Erbarmen und – Deiner Gelassenheit zu bleiben, mein Jesus. In der Gelassenheit, die mir schenkt, in meiner „Originalität“ zu leben, zu begegnen, zu lehren und zu lernen.

Diese gute Intention, diese innere Freude und Gelassenheit in IHM ist in großer Gefahr. Täglich. Vom ersten Tage des neuen Schuljahres an, sobald ich einen Fuß ins Schulhaus setze, die Treppen zum Lehrerzimmer erklimme, langsam den vielen Stimmen näher und näher komme, steige ich ein in ein gewaltiges, scheinbar auf mich wartendes HAMSTERRAD, das sich mit voller Geschwindigkeit dreht – als hätte es keinen Tag geruht. Und welches mich strampeln lässt, als gäbe es kein Morgen.

Ihr kennt es auch, das Hamsterrad – es gleicht einem riesigen Sog, welchem zu entfliehen mein Herz zu schwach zu sein scheint.

Und doch, und doch ist sie da – die Stimme meines geliebten Vaters im Himmel, welche mir im lautesten Trubel zuflüstert: „Bleib in mir.“ Und wenn, ja wenn ich dieser leisen Stimme, diesem wundervollen Werben meines Schöpfers um Stille in Ihm inmitten des tobenden Sturmes nachgebe, steige ich im Geiste aus aus dem mich verzehrenden Hamsterrad und ein in ein gewaltiges, ein wundervolles vom Wasser des Lebens bewegtes WASSERRAD, welches aus Seiner Kraft sich dreht – und das Korn zu Mehl mahlt, welches den Menschen zum Leben wird.

(das Bild vom Hamsterrad und Wasserrad ist inspiriert von Martin Schleske, Herztöne, adeo Verlag, Asslar 2016, Seite 250 & 253).

Fastenzeit in fetten Landen. Teil 2

Zum Glück bin ich nicht anfällig für solche Dinge.

Tatsächlich? Schön wär’s. Wenn ich ehrlich bin, würde ich diese kleinen „Glücksinseln“ gerne alle aufsuchen. Und am besten ohne jemanden, der mir dabei über die Schulter schaut.

Nehmen wir zum Beispiel das Essen. Über die Jahre haben sich bei mir, ohne dass ich es gemerkt habe, viele ganz schleichend gekommene Angewohnheiten eingenistet, die auch keine Lust mehr hatten, zu gehen. Wenn ich eine Packung Chips geöffnet hatte, konnte ich – so habe ich es als Ausrede allen Leuten erzählt – nicht aufhören, bis sie leer war. Genauso mit Schokolade: das Ende der Tafel war die erste Möglichkeit, aufzuhören, zu essen.

Wer unsere alten LET-Potcasts schon einmal gehört hat, dem wird sicherlich nicht entgangen sein, dass Hartmut mich im Verlauf der Folgen immer wieder „gestichelt“ hat, was mein Körpergewicht anbelangte. 🙂  Zurecht. Ich wog einfach zu viel. Jedes Jahr ein Kilo mehr, ganz unbemerkt – und genauso unaufhaltbar.

Bis zu besagtem ersten Fastenprojekt mit meinem damaligen Relikurs im Jahr 2015. Während der Fastenzeit entschloss ich mich, auf Alkohol und Süßigkeiten zu verzichten und verkündete dies lauthals den Schülern, verbunden mit dem Angebot, dass sie mitmachen könnten. Das Ergebnis auf Schülerseite war wie letzte Woche beschrieben. Und bei mir?

Der Verzicht auf Alkohol war nicht ernsthaft ein Problem. Aber – und damit hatte ich nicht gerechnet – der für meinen Körper unverhoffte Zucker- und Fettentzug durch das Weglassen von Süßigkeiten. In der ersten Woche hatte ich unglaubliche Entzugserscheinungen – die Sehnsucht nach Süßem war ständig da. Aber ich durfte ja nicht schwach werden – was hätte ich sonst meinen Schülern erzählen sollen?

So hielt ich durch. Woche um Woche. Und erlebte eine wundersame Verwandlung. Ich fühlte mich besser und vor allem: die Lust auf Zucker wurde tatsächlich geringer. Das ganze Projekt lief so gut, dass ich es in der Fastenzeit 2016 gleich nochmal wiederholte. Und beim zweiten Mal fiel es mir schon viel leichter als im Jahr zuvor. Und der Langzeiteffekt? Mittlerweile esse ich kaum noch Süßigkeiten und habe in den letzten 2 Jahren 8 Kilo abgenommen. Es geht mir besser und ich fühle mich spürbar leichter.

Die Effekte sind schön und gut. Aber ich weiß, dass hinter dem Verzicht viel mehr steht: Eine bewusste Ausrichtung weg von den ständigen Süßigkeiten als Belohnungs-Spielchen, den Ausflüchten aus dem Alltag zu den kleinen „Sünden“, den kleinen „Essensglücklichmachern“. Weil Gott mich letztlich ruft, dass ich mich in den Situationen, in welchen ich mich nicht gut oder leer fühle, von Ihm füllen lasse, anstatt mich mit Chips vollzustopfen. Dass Er mich ruft, mit ihm zusammen zu sein, wenn ich mich nach Ablenkung und Wohlgeschmack sehne. Schrieb nicht schon David in Psalm 34 (Vers 9), dass wir schmecken und sehen sollen, wie gütig der „Ich bin da“ ist? Denn „glücklich ist der Mensch, der sich bei Ihm birgt.“

Wenn ich meine Alltagsgewohnheiten inmitten der diesjährigen Fastenzeit einer ehrlichen Bestandsaufnahme unterziehe, ergibt sich folgendes, ernüchterndes Fazit: die Ernährung ist nur einer der Bereiche, in welchen ich – und nicht nur in der Fastenzeit – fasten und mein Leben neu ausrichten sollte. Die Jahreslosung der Herrenhuter Brüdergemeinde heißt ja „Gott spricht: ‚Ich schenke Euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in Euch'“ (Hesekiel 36, 26).

Das kann ja noch ein spannendes Jahr werden… 🙂

Fastenzeit in fetten Landen. Teil 1

Es ist Fastenzeit.

Nicht auch das noch. Dafür habe wirklich ich keine Zeit – geschweige denn Lust auf Verzicht. Jetzt Gedanken machen darüber, etwas in meinem Leben wegzulassen – weshalb eigentlich?

Vor zwei Jahren habe ich begonnen, meine Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht zu fragen, ob jemand mitmacht, z.B. auf Süßigkeiten oder Alkohol – oder vielleicht sogar das Surfen in sozialen Netzwerken oder das Schauen von Filmen während der Fastenzeit zu verzichten.

Ergebnis: einige Schülerinnen und Schüler wollten mitmachen, auf Alkohol oder Süßigkeiten zu verzichten. Auf soziale Netzwerke oder Filme zu verzichten – keine Frage – war dagegen undenkbar.

Als ich dann im Wochentakt nach dem Erfolg der anfangs ambitionierten Schülerinnen und Schüler fragte, schieden immer mehr und mehr aus dem Fastenprojekt aus, bis zuletzt nur noch ganz wenige übrig blieben, die wirklich geschafft hatten, ihr Verzichtziel zu erreichen.

Überraschend?

Keineswegs. Wir sind in unserer heutigen Welt des Überflusses gar nicht mehr gewöhnt, auf etwas zu verzichten. Weshalb auch? Es ist doch alles in Unmengen vorhanden. Wenn das Eis im Gefrierschrank aus ist, sagt mein 4jähriger Sohn ganz selbstverständlich zu mir: „Papa, kein Problem. Du kannst doch einfach neues kaufen!“ Weshalb sollte ich in unserem Land, in welchem „Milch und Honig fließt“, auf etwas verzichten?

Das Ergebnis: wir stopfen uns mit allem voll, das wir an scheinbaren „Glücklichmachern“ bekommen können, um – und wenn auch ganz, ganz kurz – aus unseren anstrengenden und überstressten Leben auszusteigen. Es gibt doch schon genug, was mich belastet, da darf doch etwas Ablenkung, etwas Süßes oder ein „Mich-kurz-verlieren“ in meiner Lieblingsserie auf Netflix erlaubt sein, oder? Die Schokolade am Schreibtisch oder die Packung Chips auf der Couch. Der schnelle Klick auf meine beliebtesten Webseiten, wann immer ich Zeit dafür finde. Das Anschalten von Musik, sobald es ruhig um mich wird. Das Checken meiner Emails, meiner WhatsApp Nachrichten, des Wetters, der neusten Nachrichten – you name it.

Diese Dinge, die für sich genommen ja durchaus ihr Gutes haben, führen in der Summe dazu, dass plötzlich mein sowieso schon stressiges Leben noch voller, mein Bauch runder, meine Bequemlichkeit höher wird – und das Entfliehen aus meinem eigenen Alltag zur regelmäßigen Angewohnheit, zum alltäglichen Rhythmus verkommt.

All das ist nur allzu verständlich. Wurde unser Herz doch für das Paradies gemacht und nicht für diesen Ort hier zwischen den Welten, wo ich jeden Tag einem Kampf ausgesetzt bin. Da ist es so nachvollziehbar, dass sich mein Herz nach einem Aufatmen sehnt. Die leckere Tafel Schokolade, mein Lieblingscomputerspiel auf dem PC, mein abendliches Surfen auf Shoppingseiten im Internet oder das Champions League Spiel am Abend sind da der Ausweg, wo ich endlich Entspannung finde, bevor später oder morgen mein stressiges Leben weitergeht.

Und das Resultat: Ich verpasse das eigentliche Leben immer mehr. Ganz schleichend Tag für Tag etwas mehr. Und scheinbar unbemerkt entwickelt sich ein Leben, das uns in alledem verwickelt, was uns ablenkt und „Freude“ für den Augenblick schenkt. Und das sanfte Werben Gottes um mein Herz wird immer schwerer zu vernehmen.

Mein Leben spiegelt dann das Leben viel zu vieler Menschen in unserer westlichen Industrie- und Konsumgesellschaft wider – und trennt sich langsam, aber sicher in zwei Bereiche: den anstrengenden Alltag – den Großteil des Lebens – und die vielen kleinen und größeren Ablenkungen und „Glücksinseln“, durch welche ich hoffe, diesem stressigen Dasein zu entfliehen.

Wie weit gefehlt, wenn ich dies vergleiche mit dem Leben, zu welchem Gott mich ruft… (Fortsetzung folgt)