Advent: Vorbereitung auf die Ankunft des Geliebten, auf die Ankunft des Königs

Es war einmal ein König voller Stärke, Macht und Majestät. Er regierte sein Königreich mit Weisheit, Gerechtigkeit und voller Liebe zu seinem Volk. Er war gefürchtet vor den Feinden seines Königreiches – und gewillt, jeden seiner Untertanen zu beschützen – koste es, was es wolle.

Eines Tages sah der König bei einem abendlichen Spaziergang am Waldrand eine einfache Magd, die, als sie ihn erblickte, sofort voller Scheu im Wald verschwand. Doch dieser eine Augenblick hatte genügt, dieser eine Blick aus ihren wunderschönen Augen hatte dem König das Herz geraubt. Von nun an verging kein Tag, an welchem er nicht an sie dachte. Er träumte davon, mit ihr eines Tages durch die Wälder seines Königreiches zu reiten, mit ihr auf den Bergen seines Reiches nach den Sternen zu greifen, ihren Durst aus den klaren Bächen seines Landes zu stillen. Er wollte sie halten, wenn sie weinte und mit ihr das gemeinsame Glück in vollsten Zügen genießen. Er wollte ihr Geliebter sein, noch mehr – sie und keine andere sollte seine Königin sein.

Doch wie könnte er nur ihre Liebe gewinnen? Sollte er voller Macht und Pracht, in seiner mit Smaragden bestückten majestätischen Kutsche, seiner königlichen Leibgarde, mit Kisten voller Gold und kostbarstem Schmuck die schäbige Hütte dieser armen Magd erleuchten? Sollte er sie in seiner ganzen Autorität, Stärke und Macht zu sich holen in seinen königlichen Palast?

Die Gewissheit traf ihn wie ein Blitz, der unerwartete Schmerz durchdrang sein mit Liebe erfülltes Herz: ihre Liebe würde er so wohl niemals gewinnen können. Wohl ihre Ehrfurcht und ihre Unterwerfung, doch niemals ihre leidenschaftliche, ihre hingebungsvolle Liebe. Wohl würde sie seine Herrlichkeit erkennen, doch niemals ihm ihr Herz öffnen. Sie bliebe die Magd, und er der König, sie seine Untertanin, er ihr Herr.

Das Wissen um diese Unüberwindbarkeit ihrer Welten, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, stürzte den König in tiefen Kummer. Er wollte ihre Liebe und nicht ihre Scheu, er wollte ihr Herz und nicht ihren Gehorsam – er wollte sie. Doch umso deutlicher wurde die Trennung zwischen ihr und ihm, die sie darin hindern würde, ihm ein Gegenüber zu sein, ohne Angst, mit Freimut und voller Gegenliebe.

Er konnte sie also nicht einfach zu sich holen, aber – und der Gedanke daran vertrieb augenblicklich die schweren Gewitterwolken, welche sein Herz bedeckten – er könnte zu ihr kommen, seinen königlichen Stand verlassen, ihr gleich werden und als einfacher Knecht das Herz der Magd zu gewinnen suchen. Er könnte ihr eine Hilfe in der Not und ein Zuhörer in Zeiten der Trauer sein, er könnte da sein für sie, als einfacher Mensch, in aufopfernder Liebe zu seiner Geliebten. Und vielleicht, ja vielleicht könnte sich ihr Herz seinem Werben öffnen und ihn hineinlassen, ihn, der sie von ganzem Herzen liebte. Der König wusste: nur so würde er ihre Liebe wahrhaft für sich gewinnen können. Und dann, nur dann könnte er sie eines Tages krönen in Herrlichkeit, sie zu seiner Königin erheben, zu seiner Königin, die ihn von ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Seele liebte – ihn allein und nicht seine Macht, seinen Einfluss und Reichtum. Dann könnte er mit ihr voller Glück die Wälder, Höhen und Täler, die Strände und die Weinberge ihres gemeinsamen Landes erkunden und in gemeinsamer Liebe sein Königreich regieren.

Frei nach Sören Kierkegard, Philosophische Brocken (1844), 3. Auflage 2002, S. 24-35.

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