Fastenzeit in fetten Landen. Teil 1

Es ist Fastenzeit.

Nicht auch das noch. Dafür habe wirklich ich keine Zeit – geschweige denn Lust auf Verzicht. Jetzt Gedanken machen darüber, etwas in meinem Leben wegzulassen – weshalb eigentlich?

Vor zwei Jahren habe ich begonnen, meine Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht zu fragen, ob jemand mitmacht, z.B. auf Süßigkeiten oder Alkohol – oder vielleicht sogar das Surfen in sozialen Netzwerken oder das Schauen von Filmen während der Fastenzeit zu verzichten.

Ergebnis: einige Schülerinnen und Schüler wollten mitmachen, auf Alkohol oder Süßigkeiten zu verzichten. Auf soziale Netzwerke oder Filme zu verzichten – keine Frage – war dagegen undenkbar.

Als ich dann im Wochentakt nach dem Erfolg der anfangs ambitionierten Schülerinnen und Schüler fragte, schieden immer mehr und mehr aus dem Fastenprojekt aus, bis zuletzt nur noch ganz wenige übrig blieben, die wirklich geschafft hatten, ihr Verzichtziel zu erreichen.

Überraschend?

Keineswegs. Wir sind in unserer heutigen Welt des Überflusses gar nicht mehr gewöhnt, auf etwas zu verzichten. Weshalb auch? Es ist doch alles in Unmengen vorhanden. Wenn das Eis im Gefrierschrank aus ist, sagt mein 4jähriger Sohn ganz selbstverständlich zu mir: „Papa, kein Problem. Du kannst doch einfach neues kaufen!“ Weshalb sollte ich in unserem Land, in welchem „Milch und Honig fließt“, auf etwas verzichten?

Das Ergebnis: wir stopfen uns mit allem voll, das wir an scheinbaren „Glücklichmachern“ bekommen können, um – und wenn auch ganz, ganz kurz – aus unseren anstrengenden und überstressten Leben auszusteigen. Es gibt doch schon genug, was mich belastet, da darf doch etwas Ablenkung, etwas Süßes oder ein „Mich-kurz-verlieren“ in meiner Lieblingsserie auf Netflix erlaubt sein, oder? Die Schokolade am Schreibtisch oder die Packung Chips auf der Couch. Der schnelle Klick auf meine beliebtesten Webseiten, wann immer ich Zeit dafür finde. Das Anschalten von Musik, sobald es ruhig um mich wird. Das Checken meiner Emails, meiner WhatsApp Nachrichten, des Wetters, der neusten Nachrichten – you name it.

Diese Dinge, die für sich genommen ja durchaus ihr Gutes haben, führen in der Summe dazu, dass plötzlich mein sowieso schon stressiges Leben noch voller, mein Bauch runder, meine Bequemlichkeit höher wird – und das Entfliehen aus meinem eigenen Alltag zur regelmäßigen Angewohnheit, zum alltäglichen Rhythmus verkommt.

All das ist nur allzu verständlich. Wurde unser Herz doch für das Paradies gemacht und nicht für diesen Ort hier zwischen den Welten, wo ich jeden Tag einem Kampf ausgesetzt bin. Da ist es so nachvollziehbar, dass sich mein Herz nach einem Aufatmen sehnt. Die leckere Tafel Schokolade, mein Lieblingscomputerspiel auf dem PC, mein abendliches Surfen auf Shoppingseiten im Internet oder das Champions League Spiel am Abend sind da der Ausweg, wo ich endlich Entspannung finde, bevor später oder morgen mein stressiges Leben weitergeht.

Und das Resultat: Ich verpasse das eigentliche Leben immer mehr. Ganz schleichend Tag für Tag etwas mehr. Und scheinbar unbemerkt entwickelt sich ein Leben, das uns in alledem verwickelt, was uns ablenkt und „Freude“ für den Augenblick schenkt. Und das sanfte Werben Gottes um mein Herz wird immer schwerer zu vernehmen.

Mein Leben spiegelt dann das Leben viel zu vieler Menschen in unserer westlichen Industrie- und Konsumgesellschaft wider – und trennt sich langsam, aber sicher in zwei Bereiche: den anstrengenden Alltag – den Großteil des Lebens – und die vielen kleinen und größeren Ablenkungen und „Glücksinseln“, durch welche ich hoffe, diesem stressigen Dasein zu entfliehen.

Wie weit gefehlt, wenn ich dies vergleiche mit dem Leben, zu welchem Gott mich ruft… (Fortsetzung folgt)

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